Zielfernrohre: Absehen in der 1. oder 2. Bildebene?

Abshene 1. und 2. BildebeneDas Thema Absehenslage wird immer wieder heiß diskutiert. Was sind die Unterschiede eines Absehens in der ersten oder zweiten Bildebene? Im folgenden Artikel greifen wir das Thema auf und beantworten die häufigsten Fragen. Wir beleuchten das Thema aus baulicher Sicht und klären anhand der wichtigen Kriterien ob man ein Zielfernrohr mit dem Absehen in der ersten oder zweiten Bildebene kaufen sollte.

Was bedeutet Absehenlage in der 1. oder 2. Bildebene?

Bei Zielfernrohren unterscheidet man zwischen der europäischen und amerikanischen Bauart. Zielfernrohre europäischer Bauart sind überwiegend Zielfernrohre mit dem Absehen in der ersten Bildebene, der Objektivbildebene. Zielfernrohren amerikanischer Bauart werden überwiegend mit einem Absehen in der zweiten Bildebene, der Okularbildebene, gefertigt. Dieser vermeintlich kleine Unterschied hat große Auswirkungen auf den Verwendungszweck, die Produktion und die Qualitätsanforderungen des Zielfernrohrs.

Profan ausgedrückt bedeutet, dass bei Absehen in der ersten Bildebene, sich der Absehendraht oder die Linse, auf die das Absehen geätzt wurde, vor dem Umkehrsystem des Zielfernrohrs befindet. Die meisten  Umkehrsysteme haben einen Abbildungsmaßstab größer gleich eins, wodurch das Bild eines Objektes aus der ersten Bildebene vergrößert in die zweite Bildebene projiziert werden. Gleichzeitig wird auch das Absehen aus der ersten Bildebene leicht vergrößert in die zweite Bildebene übertragen. Bei einem Absehen in der zweiten Bildebene befindet sich die geätzte Linse hinter dem Umkehrsystem. Hier wird also nur das Bild vergrößert in die zweite Bildebene projiziert, ohne dass das Absehen mitvergrößert wird.

Grundsätzlich ergeben sich daraus zwei in der Praxis offensichtliche Unterschiede für den Verbraucher zwischen den beiden Bauarten:

  1. Absehen in der ersten Bildebene werden leicht vergrößert, wirken somit nicht so fein wie Absehen in der zweiten Bildebene.
  2. Produktionsmängel, wie Staubeinschlüsse in der ersten Bildebene, haben gravierendere Auswirkungen auf das Bild der Optik. Qualitätsmängel sind relativ schnell erkennbar.

Durch moderne Fertigungsverfahren kann man diese Fehler jedoch ausgleichen. Heute ist es möglich Absehen in der ersten Bildebene zu produzieren, die genau so fein sind, wie Absehen in der zweiten Bildebene und Staubeinschlüsse in der Optik sind durch moderne Produktionsbedingungen nahezu ausgeschlossen.

Auch bei Zielfernrohren mit variabler Vergrößerung, bei denen sich das Absehen in der zweiten Bildebene befindet, muss man zwei wichtige Qualitätskriterien beachten:

  1. Durch den Mechanismus des Vergrößerungswechsels im Umkehrsystem der Optik, kommt es zu einer Verlagerung des Visierpunktes, wenn das Absehen in der zweiten Bildebene nicht 100% zentriert wurde. Wir haben bei billigen Militäroptiken die Erfahrung gemacht, dass so Ablagen von bis zu 10cm auf 100m entstehen können.
  2. Weiterhin kann es bei einer nachlässig ausgeführten Zentrierung des Absehens in der zweiten Bildebene, zu  einer Veränderung der parallaxenfreien Beobachtungsstrecke kommen.

Diese beiden Fehler können bei Zielfernrohren mit dem Absehen in der ersten Bildebene nicht vorkommen. Aus diesem Grund sollte man Zielfernrohre mit dem Absehen in der zweiten Bildebene nur von Markenherstellern kaufen und nicht auf Billigware zurückgreifen. Bei den führenden Markenherstellern sind durch moderne Produktionsverfahren sowie modernen Montagen, diese Fehler nahezu ausgeschlossen.

Welche Absehenlage für welchen Zweck?

Absehen in der ersten Bildebene werden häufig für folgende Zwecke verwendet:
  • MilDot- oder Ballistische-Absehen in der ersten Bildebene für Schüsse auf große Distanzen
  • Zum Schätzen von Entfernungen mittels des MilDot- oder Strichplattenabsehens
  • Erleichtertes Vorhalten bei Wind und querbeweglichen Zielen mittels MilDot- oder Strichplattenabsehen
  • schnelle Haltepunktkorrektur

Entfernungsschätzen Asehen 1Aus den eben aufgezeigten Anwendungsfeldern kann man leicht erkennen, dass die Vorteile und Anwendungsfelder von Absehen in der ersten Bildebene in unseren Revieren wenig jagdliche Relevanz haben. Zudem können die Vorteile von Absehen in der ersten Bildebene nur mit einem entsprechenden MilDot- oder Strichplattenabsehen vollkommen ausgeschöpft werden. Lediglich das Schätzen von Entfernungen kann in einem Revier sehr hilfreich sein. Dies funktioniert auch mit einem konventionellen Absehen, wenn man die Maße seines Absehens genau kennt.

Die Nachteile von Absehen in der ersten Bildebene sind:
  • Dadurch dass sich die Absehen in der ersten Bildebene bei einem Vergrößerungswechsel ebenfalls vergrößern, wird ein größerer Bildbereich durch das Absehen verdeckt und kann Teile des Ziels abdecken
  • Mängel in der Produktion, wie Staubeinschlüsse, wirken sich stark auf die Bildqualität aus
Absehen in der zweiten Bildebene werden meistens für folgende Anwendungsfelder benutzt:
  • Long Range Schießen
  • Sportschießen
  • und zur Jagd, denn durch das feine Absehen wird sehr wenig vom Ziel verdeckt
Folgende Nachteile haben Absehen in der zweiten Bildebene:
  • Möchte man Absehen in der zweiten Bildebene zum Entfernungsschätzen benutzen, benötigt man ebenfalls ein MilDot- oder Strichplattenabsehen, jedoch verändern sich die Abstände zwischen den Strichmarkierungen des Absehens mit dem Wechsel der Vergrößerung. Meistens hat man bei voller Vergrößerung die vom Hersteller angegebenen Maße. Diese halbieren oder verdoppeln sich beim Wechsel zur kleinsten bzw. größten Vergrößerung. Das Berechnen von Ablagen, Vorhaltemaßen oder die Haltepunktkorrektur wird hierdurch maßgeblich erschwert und verlangt ein hohes Maß an Übung.
  • Weiterhin muss man in der Produktion mit größter Sorgfalt vorgehen, da ein nicht zu 100% zentriertes Absehen in der zweiten Bildebene, zu einer Verschiebung des Visierpunktes führt.
  • Beim Wechsel der Vergrößerung kommt es zu einer Veränderung der parallaxenfreien Beobachtungsstrecke des Zielfernrohrs.

Die eben genannten Nachteile kann man durch eine entsprechende Optik mit Parallaxenausgleich und Absehenschnellverstellung ausgleichen. Grundsätzlich braucht man auch hier eine genaue Kenntnis über die Funktionsweise des Zielfernrohrs und Übung, um so feine Instrumente richtig anwenden zu können.

Welche Absehenlage sollte ich für mich wählen?

Bei der Wahl des Zielfernrohres kommt es nicht allein auf die Lage des Absehens an. Vielmehr muss man sich genau über den Einsatzzweck seiner Optik in Verbindung mit seiner Waffe bewusst werden. Sieht man von einigen speziellen Feldschussdisziplinen ab, benötigt man kein MilDot-, Strichplatten-, Ballistisches- oder Horus-Absehen in der ersten Bildebene. Für den jagdlichen Gebrauch ist eines der unzähligen Standardabsehen vollkommen ausreichend. Hierbei kommt es lediglich auf den persönlichen Geschmack an, ob das Absehen in der ersten oder zweiten Bildebene liegen soll.

Kaufen Sie eine etwas günstigere Optiken, empfiehlt es sich auf das Absehen in der ersten Bildebene zurück zugreifen, da hier Produktionsmängel nicht so starke Auswirkungen haben. Verwenden Sie eine Optik mit einem Absehen in der 2. Bildebene, sollte Sie nicht an der Optik sparen. Optiken aus dem mittleren Preissegment der bekannten Markenhersteller, sind bereits sehr gut geeignet. Für integrierte Leuchtpunktabsehen empfehlen wir ausdrücklich die 2. Bildebene für das Absehen, da der Leuchtpunkt bei einem Wechsel der Vergrößerung seine Größe nicht ändert und somit nicht den gesamten Wildkörper abdeckt.

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