Jagd und Militär – Keine einfache Geschichte

Nach unserer Recherche und der Zuarbeit unserer Leser liefern wir eine erste Abhandlung zur Frage, wie sich die zwei Welten Jagd und Militär gegenseitig beeinflussen. Wir betrachten die geschichtliche Entwicklung, um die Jagd und eventuell auch ihre Kritiker heute besser verstehen zu können. Es wird auffallen, dass die Jagd in vielerlei Hinsicht eine prägendere Rolle spielte, als dies vielleicht bekannt ist.

Jäger und Kämpfer

Erste Überlappungen zwischen Jägern und Kriegern können wir in den Höhlenmalereien der Steinzeitmenschen wiederfinden. Dies ist wenig verwunderlich, da sowohl Krieger als auch Jäger zum damaligen Zeitpunkt ein und dieselbe Person waren. Im Alltag Jäger und Sammler, bei drohender Gefahr wiederum wurde man zum Krieger, welcher zu den Waffen greift. In dieser Zeit ist es auch selbstverständlich, dass Jagdausrüstung (Speer und Bogen) ebenfalls zum Kampf eingesetzt wurden.
Bis ins späte Mittelalter verändert sich diese Situation nur marginal, Jäger zusammen mit Bauern und jeglicher anderer Bevölkerung werden bei drohender Gefahr für einzelne Schlachten oder ganze Feldzüge in „professionelle“ Heere integriert. Andererseits nutzen die Feldherren die Jagdfertigkeiten ihrer Krieger bzw. ausgebildete Jäger dazu, sich bei Bedarf mit Nahrung aus der Wildnis zu versorgen.

Die Jagd erneuert die Militärtaktik

Erst Mitte des 17. Jahrhunderts werden in Hessen, zusätzlich zur Linieninfanterie, erstmalig eigenständige Jägerverbände aufgestellt. Diese zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie ausschließlich aus ausgebildeten Jägern und Förstern rekrutiert wurden. Diese projizieren die Errungenschaften der damaligen Jagdmethoden auf das damalige Schlachtfeld. Dieses war durch die Lineartaktik geprägt, wobei sich dichte Formationen gegenüber standen. Ausgerüstet mit gezogenen Büchsen und unter Ausnutzung des Geländes wurden diese Verbände erfolgreich dazu genutzt in losen Formationen zu operieren und durch gezielte Schüsse Verwirrung in den Reihen ihrer Feinde zu stiften bzw. diese zu demoralisieren, um so der Linieninfanterie zu ihrem Erfolg zu verhelfen.
Dies gelang nur deshalb, weil die damaligen Militärs auf Fähigkeiten zurückgreifen, welche die Jäger und Förster in ihrer Ausbildung mühevoll erworben haben. Unter anderem wurde auf die überlegene Schießausbildung und die Pirschfähigkeiten der Jäger zurückgegriffen. Diese dienten als Anknüpfungspunkte für die Entwicklung der Scharfschützen und der abgesessen Aufklärung.

Auch auf die Führungsgrundsätze haben die Waidmänner einen entscheidenden Einfluss gehabt. Bedingt durch ihren Einsatz in losen Formationen, konnten die Verbände nicht direkt von einem Feldherrenhügel aus geführt werden. Vielmehr musste diesen im Vorfeld ein Auftrag zugeteilt werden, der selbstständig erfüllt werden sollte. Dadurch veränderte sich die Führungsphilosophie, die sich noch in der heutigen Auftragstaktik moderner Armeen widerfindet. Außerdem erfuhren Jäger zunehmend eine großer Anerkennung, da man die erkannte, dass jagdliche Fähigkeiten eine enormes militärisches Potential boten.

Dem Vorbild der Hessen folgend haben auch andere Fürstentümer und Königreiche Waidmänner in besondere Verbände ihrer Armee integriert. Auch im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg spielten die Jäger und Förster eine entscheidende Rolle. Sowohl die hessischen Söldner auf der königlich englischen Seite, als auch die Trapper und Ranger auf Seiten der Amerikaner wurden als Aufklärer/Erkunder, Scharfschützen und Experten für Hinterhalte eingesetzt und haben entschieden zu den Erfolgen der jeweiligen Parteien beigetragen. Resultierend daraus werden selbst in den heutigen Streitkräften weltweit leichte Infanterieverbände unter der Bezeichnung Jäger bzw. Ranger geführt.
Hofjagd, Waidwerk, WildereiInsbesondere in Preußen werden nach dem Deutschen Krieg 1866 große Anstrengungen unternommen um eigenständige Jägerverbände aufzustellen. Unter Federführung von Major Ludwig York von Wartenburg werden Erfahrungen aus dem Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner und dem Einsatz der französischen Jäger ausgewertet und somit neue Einsatzgrundsätze der preußischen Jägertruppen begründet. Zum Ausbruch des ersten Weltkrieges verfügte das deutsche Kaiserreich über 20 Bataillone welche den Jägertruppen zugeordnet werden konnten. Das erst neu erschienene Buch „Hofjagd, Weidwerk, Wilderei“ betrachtet unter anderem wissenschaftlich diese Entwicklung.

Wechselseitige Entwicklungsgeschichte

Die Integration der ausgebildeten Förster und Jäger in die Jägertruppe war dabei keineswegs eine Einbahnstraße. Nach ihrem Dienst in den Jägerverbänden wurden Jäger als Belohnung bevorzugt in den Förstereien und Forstverwaltungen der jeweiligen Fürstentümer eingestellt. Dies ging soweit, dass regelrechte Familienkarrieren Forst entstanden.

Um die anfängliche Ausrüstungslücke zu kompensieren integrierten Jäger und Förster kurzerhand ihre „Berufsbekleidung“ und ihre gezogenen Büchsen in ihren Militärdienst. Die gezogene Büchse hatte zwar den Nachteil, dass sie um einiges teurer als die Glattrohrgewehre war, welche in der Linieninfanterie verbreitet waren, dafür war diese um Längen präziser. Dadurch konnten die Jägerverbände selbst in Unterzahl Gefechte für sich entscheiden, so dass dem Siegeszug der gezogenen Gewehre den Ursprung in der damaligen Entwicklung fand.
Weiterhin konnte man die grüne und braune Jagdbekleidung viel schwieriger aufklären können, als die damals gängigen Uniformfarben rot, blau und weiß. Die Zweckmäßigkeit wurde insbesondere dann evident, als die offenen Feldschlachten von den Grabenkriegen des ersten Weltkrieges abgelöst wurden. Spätestens dann stellten alle Armeen ihre Uniformfarben auf Grün-, Braun-, oder Grautöne um.

Im ersten Weltkrieg schafft eine weitere technische Errungenschaft der deutschen Waidmänner in die militärische Welt, das Zielfernrohr (ZF). Erste Entwicklungsversuche gab es bereits im 18. Jahrhundert. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es in der Jagd bereits verwendet. Optiken mit 4 facher und 6 facher Vergrößerung waren vor Ausbruch des 1. Weltkrieges bereits verbreitet. Im Verlauf hielt die Technik daraufhin auch im Militär verbreitet Einzug, so dass zivile Bestände für die Kriegsführung eingezogen wurden.

Erstaunlicher Weise erlebte man nach Ende des zweiten Weltkrieges jedoch kulturgeschichtlich eine Wandlung, da Zielfernrohre „militarisiert“ in ihrer Bedeutung und Verwendung nun auf der Jagd weniger verbreitet bzw. angesehen waren. Es entsprach nicht mehr waidmännischer Praxi sich technischen Hilfsmitteln der Kriegsführung für das Waidwerken zu bedienen, obwohl die Entwicklung ursprünglich eine Entgegengesetzte gewesen war. Während Zielfernrohre in der Massenproduktion seit den 80er Jahren in modernen Gewehren serienmäßig verbaut werden, flourierte der Markt für jagdliche Optiken verzögert. Vor allem verzeichnete sich nun Zunehmend eine Entwicklung, dass militärische Entwicklungen Einzug in das moderne Jagdwesen halten. Beispielhaft können hier Zielfernrohrmontagen wie Picatinny Schienen, Rotpunktvisiere oder Schalldämpfer angeführt werden.

Unabhängig des Verwendungszwecks kann dies auch heute eine der Ursachen bilden, die Kritiker in ihren Ansichten und in ihrem Bild der Jagd bestärken. In jedem Fall ist es spannend zu sehen, wie eng Jagdgeschichte die Entwicklungen im Militär beeinflusste und wie gegenläufig diese Tendenzen vor dem Hintergrund unserer heutigen Welt zu sein scheinen.

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