Leserartikel – Die Mär von der perfekter Munition … wer nicht dokumentiert bleibt dumm

schussdokumentation-2Unser aktueller Leserartikel von Migo Gross beschäftigt sich mit der Thematik der Schussdokumentation und der Ableitung der daraus gewonnenen Erkenntnisse für die eigene Jagdpraxis.

Wir kennen Sie doch alle aus den Zeitschriften und den sozialen Medien, die Diskussion um Kaliber, Wildbrettentwertung, bleihaltige und bleifreie Geschosse. Am Stammtisch oder bei der Jagd hingegen wird über dieses Thema verhältnismäßig wenig oder nur kurz diskutiert und das ist auch gut so. Denn viel zu oft treffe dort Jäger  Aussagen bedingt durch Hörensagen, Ideologie, Tradition oder anderen unergründbaren Motivationen heraus!

Die Motivation für ein eigenese Jagdtagebuch

Meine persönliche Skepsis startete schon, als ich meine erste Waffe kaufte. Der Vorbesitzer hatte seinerzeit eine Menge Geld dafür bezahlt und zusätzlich in eine Premium-Optik investiert. Als Rat gab er mir auf den Weg: „Ich hab nur die Prvi damit geschossen, funktioniert OK und tötet auch.“ Ich war verwundert, gute Waffe, teure Optik und Munition aus dem unteren Preissegment – das wollte in meinem Kopf nicht so recht zusammen passen. Schmeckt irgendwie nach dem sündhaft teuren Grill und das Fleisch vom Discounter für 99ct pro Kilo. Also kaufte ich auf Empfehlung eines guten Freundes (damals ebenfalls noch Jungjäger mit überschaubarer Erfahrung) erst mal RWS und schoss die Waffe darauf ein.

Ich möchte keine Position für oder gegen einen bestimmten Hersteller, ein bestimmtes Kaliber oder einen bestimmten Geschosstyp beziehen – nichts liegt mir ferner. Ich möchte eine Lanze brechen für Sachlichkeit, nüchterne Betrachtung von Fakten und eine Basis schaffen auf der solide Diskussionen möglich sind. Dazu braucht es aber eine gewisse Gelassenheit, Zeit und etwas Sorgfalt.

Die Methodik

Kommen wir zum Kern: Ich dokumentiere jeden(!) Schuss auf ein Stück mit einem Schussbericht der auf den ersten Blick nach Overkill aussieht. Uhrzeit, Entfernung, Treffpunktlage und vieles mehr. Beim Aufbrechen, aus der Decke schlagen und zerwirken nehme ich mir Zeit und schaue genau hin:

  • Welche Organe sind verletzt?
  • Gab es Knochentreffer?
  • Mache Bilder vom inneren der Kammer, vom Ein- und Ausschuss.

Mit jedem erlegten Stück fiel mir mehr ein, was sich noch aufzeichnen lassen könnte und so wuchs der Schussbericht allmählich auf rund 35 Punkte. Nicht alle haben mit der Waffe, Munition oder Geschosswirkung zu tun und immer wieder ändere ich Kleinigkeiten und verfeinere etwas.

Der Erste Teil befasst sich mit den nackten technischen Daten:

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An dieser Stelle muss und möchte ich einfach ein paar Daten ausblenden. Für den eigentlichen Bericht tut das aber nichts zur Sache. Sicherlich könnte man argumentieren, dass sowas wie Sonnen- und Mond- und Wetterdaten recht überflüssig ist, aber ich verspreche mir davon ein paar jagdliche Erkenntnisse abzuleiten.
Im nächsten Schritt folgt eine Dokumentation über die Treffpunktlage, Einschuss, Ausschuss:

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Hierfür habe ich mir Bildmaterial aus dem Internet für die verschiedenen Wildarten zusammen gesucht. Das ist auch der Grund, warum ich meine Vorlage an dieser Stelle nicht veröffentliche, aber anhand der Bilder sollte jedem eine Reproduktion meines Berichtes durchaus gelingen.
Im letzten Abschnitt des Berichtes dann sowas wie das Resümee:

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Die Schadensaufnahme dient zur Unterstützung der Fotos und ein kurzer Situationsbericht soll das Ganze für mich noch abrunden und evtl. die Erinnerung hoch halten. Der Prosa-Text fällt so immer sehr unterschiedlich aus. Wenn ich es für wichtig erachte, steht dort zum Beispiel auch mehr zum Verhalten des Stückes vor dem Schuss, zu etwaigen anderen Beobachtungen in der jagdlichen Situation, dem Wetter usw.

Gewichte und Wildbrett werden natürlich auch dokumentiert. Im Fall des obigen Bildes habe ich es zum Beispiel versäumt das reine Wildbret-Gewicht für den Verzehr zu wiegen.
Abgerundet wird der Bericht dann mit Fotos, hier einige Beispiele:

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Dazugehörig der Schusskanal:

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Wie sieht es unter der Decke aus – offenbar ein guter Einschuss:

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Oder von einem anderen Stück die Ausschuss-Seite der Kammer mit Knochenfragmenten und die dazugehörigen (teilweise) beschädigten Organe:

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Einige Male habe ich schon gehört und gelesen: „Das XYZ ist der letzte Dreck und das für den Preis. Ich habe keinen Ausschuss (oder so viel Wildbrettentwertung – oder 200m Flucht). Ein Stück habe ich damit gestreckt, nie wieder! Willst Du die restlichen 18 Schuss kaufen?
Gerade im Zusammenhang mit der Bleifrei-Diskussion kommt so etwas immer wieder hoch. Dabei ist das doch keine fundierte Aussage, nur Emotion. In den meisten Fällen kann niemand sagen, wie sich die Situation mit einem anderen Geschoss/Kaliber, aber vergleichbaren Rahmenbedingungen verhalten hätte? Durch systematischen Aufzeichnung lassen sich so vielleicht ähnliche Schüsse/Bedingungen mit anderen Geschossen bzw. Kalibern vergleichen und tatsächliche Unterschiede herausarbeiten?!

Verwendung der gewonnenen Erkenntnisse

Über die Zeit verspreche ich mir so eine wirklich zuverlässige Aussage über die Wirkung von verschiedenen Geschossen und Kalibern treffen zu können. Unterschiedliche Treffpunktlagen, Wildarten, Entfernungen usw. können eine unterschiedliche Wirkung erzielen. Was funktioniert wo unter ähnlichen Bedingungen? Deformations- gegen Teilzerlegungsgeschoss, Blei gegen Bleifrei. Schluss mit Vermutungen und Hören-Sagen … Hallo Dokumentation!

Das hat alles keinen Anspruch auf eine wissenschaftliche Studie, soll nur halbwegs nachvollziehbare Fakten schaffen und mit etwas Glück und Systematik die Wirkung sinnvoll vergleichbar machen. Dokumentation nach besten Wissen und Gewissen. Die Daten generiere ich zu Einhundert Prozent mit meinem Smartphone über Apps und die Kamera.

Jederzeit freue ich mich auf Vorschläge zur Ergänzung und/oder Modifikation meines Schussberichtes und kann mir vorstellen, dass dort draußen noch einige gute Ideen oder Ansätze schlummern. Ich bin noch Jungjäger und kann nur dazu lernen.

Waidmannsheil
Migo

Comments

  1. Jens says:

    Hallo Migo,
    auch ich verwehre mich gegen Stammtischparolen und suche das für mich passende und überzeugende Geschoss aufgrund eigener Überlegungen und selbst gemachter Erfahrungen. Meine Dokumentation dazu ist überschaubar und nicht so detailliert wie die Deine, jedoch wäre es sicherlich gut und vor allen Dingen repräsentativer, wenn mehrere Jäger an dieser Dokumentation teilnehmen würden und die Ergebnisse letzten Endes in einer Datenbank münden würden.

    Gruß JL

    • Michael Gast Michael Gast says:

      Hallo Jens,

      danke für die Tipps, vielleicht schaffen wir es zumindest in unserem Team mehr Daten zu erheben und diese für euch aufzubereiten. Wir sind natürlich für jegliche Mitarbeit dankbar allerdings ist uns auch bewusst wieviel Aufwand hinter dieser Arbeit steckt. Wir bleiben dran.

      Gruß Michael

  2. Jens says:

    Hallo Michael,
    Danke für Deinen Kommentar. Es wäre natürlich genial, wenn es dieses derzeit auf Papier basierende Formblatt als App geben würde. Hierbei könnten direkt vor Ort im Revier die nötigen Aufzeichnungen / Fotos gemacht werden. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich im Nachgang eigentlich gar nicht mehr exakt weiß, wie einzelne Details ausgesehen haben. Eine Verlinkung zu einer Wetterapp, Positionsmarkierung über GPS etc. wären natürlich das Sahnehäubchen. Damit würde bereits vieles automatisiert werden ohne manuell erfassen zu müssen.

    Gruß
    Jens

    • Waidmannheil Jens,
      sicher wäre das total smart und eine wahnsinns Erleichterung. Die Idee hatten wir auch schon, nur die Umsetzung ist nicht gerade einfach, wenn es zentral sein soll.
      Momentan scheint mir eine Verknüpfung bzw. Kooperation mit anderen Jagd-Apps als sinnvollste Lösung.

      Grüße Migo

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