Leserartikel – Zielwirkung von Büchsengeschossen

Deutschdrahthaar am WildschweinJeder Jäger kennt weite Fluchten von erheblich zerschossenen Wildtieren, während andere scheinbar wenig verletzt wie vom Blitz getroffen auf der Stelle umfallen. Maßgeblich dafür sind Schock- und Stoppwirkung des platzierten Schusses.

 

Beim Schuss auf Wild unterscheiden wir zwei getrennte Auswirkungen:

  1. Die Schockwirkung, die wir als Stoppwirkung erleben. Das Maß für diese ist die Fluchtstrecke.
  2. Die Tötungswirkung, die den Tod des Wildes bewirkt.

Diese beiden unterschiedlichen Wirkungen eines Geschosses werden von den meisten Autoren nicht genügend unterschieden, ja selbst von sogenannten Experten ständig vermischt oder verwechselt, wenn sie von „Tötungswirkung“ oder „Killing-Power“ reden.

Der Tod eines Säugetiers wird unter anderem durch die Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn verursacht. Dieser Teil der Zielwirkung ist für uns waidgerechte Jäger selbstverständlich, weil immer der erste Schuss auf ein Wildtier zum Tod des Tieres führen sollte. Dieser Vorgang kann allerdings mehrere Sekunden dauern, in der das Wild noch Hunderte von Metern flüchten kann. Gerade Wildtiere mit Herztreffern laufen oft noch weit, ohne dass das Gehirn mit Blut versorgt wird.

Stoppwirkung

Die Stoppwirkung hat nichts damit zu tun wie schnell ein Tier stirbt, sondern damit wie stark die von einem Geschoss ausgehenden Druckwellen auf Nerven wirken, um damit eine sofortige Lähmung zu bewirken, die das Tier an jeder Fluchtbewegung hindert.Ein Treffer in der Nähe der oberen Wirbelsäule führt zu solch einer Lähmung des Tieres, während das Herz noch Blut zum Gehirn pumpen kann: der Tod erfolgt erst „lange“ nach der Lähmung, da auch die meisten Gefäße zerstört werden oder ein reflektorischer Herzstillstand eingetreten ist.

Auch Verletzungswirkung und Schockwirkung sind zwei unterschiedliche Auswirkungen eines Treffers. Die Verletzung verursacht nicht nur das Geschoss bzw. die Geschosssplitter, die den Wildkörper penetrieren, sondern vor allem Druckwellen, die das Geschoss nach allen Seiten hin ausbreitet. Die Schockwirkung ist dabei ziemlich unabhängig vom Grad der Verletzung, weshalb auch der kaliberbezogene Schockindex wenig über die „Knock-Out-Power“ einer Patrone aussagt. Formeln zur ‚Killing-Power‘ sagen wenig über die „Knock-Out-Power“ einer Patrone aus.

Das entscheidende Kriterium für die Stoppwirkung, also für die Länge der Fluchtstrecke, ist die Art und Geschwindigkeit der Druckwellen: deshalb können kleine und schnelle Geschosse oft so gut umwerfen, während man bei langsamen und schweren Geschossen oft lange Fluchten hat. Je höher ein Blattschuss, desto größer die lähmende Wirkung, auch ohne mechanische Verletzung der Wirbelsäule. Hierbei treffen die Druckwellen auf das Rückenmark, also auf zentrale Nervenbahnen, auch wenn das Geschoss selbst nur die Lungen verletzt.

Die das Gehirn versorgenden Blutgefäße platzen auch weit weg vom Geschoss durch Druckwellen auf. Bei sehr schnellen Geschossen oft sogar beim Schuss durch den Pansen, dessen Inhalt die Druckwellen erheblich abbremsen kann. Gerade für suboptimale Treffer im Pansen kommt es auf die Art der Druckwellen an und nicht auf die Größe oder die Masse eines Geschosses. Die Qualitäten eines Geschosses aus dem passenden Kaliber zeigen sich gerade bei solchen Treffern. Hier bestimmt vor allem die Zielgeschwindigkeit der Patrone die Länge der Flucht, da das Geschoss selbst im Gescheide oder Panseninhalt wenig Wirkung entfalten kann. Hier zeigt die Erfahrung, dass bei suboptimalem Treffersitz die Teilzerleger den Deformatoren in der Stoppwirkung meistens überlegen sind.

Wir müssen uns von der mechanischen Vorstellung lösen, dass die Wirkung von einem Metallstück ausgeht, das nur groß und schwer genug sein muss, damit es wirkt. Die Verformung ist nur für die Modulation der Druckwellen wichtig, nicht für die mechanische Zerstörung: umwerfen tun schnelle, leichte Geschosse oft besser als zu schwere, zu langsame.

Entscheidend für kurze Fluchtstrecken ist und bleibt der Treffersitz.

Man könnte daraus ableiten, alles Wild nur noch mit Kopf- oder Trägerschüssen zu erlegen. Diese Treffer bannen das Tier schlagartig an den Platz, wenn sie das Gehirn oder das Rückenmark präzise genug treffen.

ABER diese Schüsse sind hoch riskant, weil der Kopf und Träger die am schnellsten bewegten Körperteile eines Tieres sind. Damit wird ein Treffer extrem unsicher, auch weil die tödliche Trefferzone sehr klein ist: kleinste Abweichungen haben hierbei verheerende Folgen für das Wild, z. B. Äser- oder Schlundtreffer. In der Zeit zwischen Schussauslösung und Auftreffen des Geschosses kann ein Wildtier Haupt und Träger in alle Richtungen aus der Schussbahn bewegen. (Ich habe selbst einem Bock mit einem Blattschuss auf 130 m das Genick abgeschossen.)

Außerdem wird dabei das Wildbret erheblich entwertet, weil das Blut in den Gefäßen bleibt, das Stück nicht genügend ausschweißt. Jeder gute Koch lehnt solches Wildbret ab; er riecht das nach wenigen Tagen. Aus diesen Gründen ist ausschließlich der Kammerschuss als waidgerecht zu vertreten.

Zusammenfassung

Wirkfaktoren für Knock-Down- oder Stoppwirkung:

  1. Treffersitz: Je näher an der oberen Wirbelsäule, desto höher die Stoppwirkung durch Lähmung jeder Fluchtbewegung. NUR Kammerschuss waidgerecht, da Kopf und Träger zu beweglich.
  2. Ziel- oder Auftreffgeschwindigkeit: Je höher, desto höher die Stoppwirkung, solang das Geschoss mitmacht, d. h. die Geschosskonstruktion muss zur Zielgeschwindigkeit und Wildgewicht passen, leichte, schnelle Geschosse müssen fest genug, schwere, langsame müssen weich genug sein. Teilzerleger stoppen schneller als Deformationsgeschosse.
  3. Geschossgewicht: Nur für Penetration und Ausschuss wichtig; für Stoppwirkung nur in Verbindung ausreichender Zielgeschwindigkeit wirksam.

Zielgeschwindigkeit sollte mindestens 700 m/s sein, mehr als 900 m/s bringt erfahrungsgemäß nicht mehr an Stoppwirkung. Eine Zielgeschwindigkeit unter 700 m/s schont zwar das Reh, erhöht aber die Fluchtstrecke, vor allem bei suboptimalem Treffersitz. Solche langsamen Geschosse wirken nur als Teilzerleger.

Präzision vorausgesetzt sind wenig Rückstoß und wenig Windabweichung förderlich für den Treffersitz.

C. Pirker

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