Die Winddrift – Kompliziert, aber sehr wichtig!

Jeder Schütze, der auf Distanzen über 150m schießen will, muss sich zwangsläufig mit dem Thema Winddrift auseinandersetzen. Aus diesem Grund beschreiben wir im folgenden Artikel die Einflüsse des Windes und erläutern, wie Sie jede Windsituation meistern können.

ACHTUNG! Die Winddrift ist sehr kompliziert und nur durch jahrelange Übung umzusetzen, aus diesem Grund empfehlen wir jedem Waidmann, bei starkem Wind, gerade im Gebirge, auf den Schuss zu verzichten.

Wir sparen uns an dieser Stelle gleich eine mathematische Herleitung der Winddrift über den B.C., die V0 und die entsprechenden Stabilitätsfaktoren. Wir wollen stattdessen vielmehr einen Praxisleitfaden aufzeigen, mit dem jeder selbst lernen kann den Wind einzuschätzen und Korrekturen an der Visierung vorzunehmen. Es sei angemerkt, dass der Artikel auf vorallem auf die bewährten Methoden des militärischen Scharfschützenwesens zurückgreift. Jagdlich relevant kann das hier Beschrieben dennoch besonders auf der Auslandsjagd auf größere Entfernungen erfolgreich angewendet werden.

Wieso ist der Wind für mich als Schützen so wichtig? Bleiben wir bei unserer Beispielmunition, der .308 Win mit einem 168gr Spitzgeschoss und nehmen an, wir verschießen dieses Geschoss aus einem 26‘‘ Standardlauf. Der Wind in unserer Stellung beträgt 15km/h und wirkt in einem 90° Winkel auf unser Geschoss ein. Wenn wir unter diesen Bedingungen einen Schuss abgeben, hat das Geschoss auf Hundert Meter eine seitliche Abweichung unter zwei Zentimetern. Auf 200m beträgt die Abweichung der Treffpunktlage allerdings 7,6cm und auf 300m bereits 17,8cm. Da sag nun einer, man könne den Wind vernachlässigen.

Im Folgenden gilt es die verschiedenen Faktoren zur Eliminierung der Winddrift darzustellen. Hierfür müssen Sie vier wesentliche Schritte verinnerlichen:

  • Sie müssen lernen die Windstärke zu lesen,
  • Sie müssen die Windrichtung erkennen,
  • eine Windtabelle anlegen,
  • und den Haltepunkt korrigieren bzw. Ihre ASV verstellen können.

Der Windmesser oder die Windindikatoren

Um die Stärke des Windes einzuschätzen hat man mehrere Möglichkeiten. Die einfachste Variante ist die Verwendung eines Windmessers. Dieser zeigt Ihnen neben der Windstärke, die Windrichtung, die Temperatur und den Luftdruck an. Die Firma Kestrel vertreibt einen solchen Windmesser, der sogar ein Ballistikprogramm enthält. Die alleinige Verwendung von einem Windmesser kann allerdings trügerische Sicherheit verleihen. Auf großen Distanzen kann es sein, dass sich die Windrichtung mehrfach ändert und unterschiedlich stark ist. Für diesen Fall sind natürliche Windindikatoren das erste Mittel der Wahl. Neben Gras, umherwirbelden Blättern, Regen, Schnee und Rauch, können Sie die später beschriebene Mirage als Windindikator verwenden.

BeauforttabelleAls Anhalt für die Stärke des Windes haben wir ihnen eine Tabelle der Windstärken nach Beaufort dargestellt. Neben dieser Tabelle gibt es unzählige weitere Tabellen des U.S.M.C, der US NAVY-SEALS und etlicher anderer Einheiten, die letztendlich alle das gleiche aussagen. Mittels der natürlichen Windindikatoren und der geschätzten Windstärke, kann man die unterschiedlichen Windverhältnisse auf der gesamten Schussbahn schätzen und eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit zur Korrektur der Schusswerte errechnen. Es steht außer Frage, dass diese Verfahren einen großen Erfahrungsschatz erfordern und nur durch kontinuierliches Üben auf hohe Distanzen ins Blut übergehen.

Neben den natürlichen Windindikatoren kann man auch auf eigens für die Erkennung der Windrichtung angefertigte Indikatoren zurückgreifen. So kann es sein, dass innerhalb Ihres Reviers Windfahnen, Windsäcke o.a hängen. Zudem können Sie sich einen eigenen Windrichtungsanzeiger (sei es eine Tierfeder an einem Bindfaden oder ein Fetzen Stoff) in geringem Abstand zu Ihrem Hochsitz aufhängen, um den Wind am Stand zu messen und die Windrichtung zu beurteilen. Der geübte Schütze schießt mit beiden Augen geöffnet und kann auf diese Weise mit dem einen Auge die Windfahne im Auge behalten und richtet das andere Auge auf das Ziel. Hierdurch entgeht dem Schützen keine noch so plötzliche Windrichtungsänderung. Um die Windstärke richtig einschätzen zu können, reicht es nicht aus lediglich die Beaufort-Tabelle zu kennen. Ein ständiges Üben im Revier oder beim Spaziergang ist verbessert wesentlich die Fähigkeiten den Wind richtig einzuschätzen. Zudem muss das vorliegende Gelände beurteilt werden, denn gerade im Gebirge wird der Wind an vielen Stellen kanalisiert oder in eine bestimmte Richtung gezwungen.

Die Mirage als Indikator

Indikatoren für die Stärke des Windes sind natürlich auch Indikatoren für die Windrichtung. Der für uns entscheidende Indikator für die Windrichtung ist jedoch die Mirage. Die Mirage ist Freund und Helfer zugleich, sie ist ein Fluch und ein Segen. Mirage entsteht, wenn sich Licht durch Medien unterschiedlicher Dichte bewegt. Jeder kennt den Effekt wenn man einen Stock in Wasser hält und dieser optisch an der Übergangsstelle von Wasser zu Luft gebogen wird. Dieser Effekt der Lichtbrechung wird beim Wasser sehr deutlich, weil Wasser eine sehr viel höhere Dichte als Luft hat und die Lichtgeschwindigkeit in Medien unterschiedlicher Dichte nicht gleich groß ist. Nun kommt es in der Natur permanent vor, dass unterschiedlich warme Luftmassen aufeinandertreffen. Diese Luftmassen haben natürlich auch unterschiedliche Dichten, wodurch auch hier an den Übergangsstellen von warmer zu kalter Luft eine Lichtbrechung stattfindet. Sie als Schütze nehmen diesen Effekt als Hitzeschlieren in ihrem Zielfernrohr war, je höher die Vergrößerung desto stärker der Effekt. Der Mirage-Effekt ist immer vorhanden nur kann man ihn nicht immer sehr.

Der Nachteil der Mirage ist, dass an meist sehr heißen Tagen, schon auf 100m so starke optische Veränderungen hervorgerufen werden, dass Sie die Scheibe kaum noch zu erkennen ist. In solchen Fällen sollten sie ihre Position verändern, um vom Boden wegzukommen. Ein heißgeschossener Lauf kann einen ähnlichen Effekt hervorrufen, für diesen Fall gibt es sog. Flimmerbänder, die über den Lauf gespannt werden. Ein weiterer Nachteil ist die optische Verschiebung des Ziels in Richtung der Schlierenbänder der Mirage. Bei Null-Wind würde sich das Ziel optisch nach oben verschieben, bei neun Uhr Wind nach rechts und bei Wind aus sieben Uhr nach rechts oben. Diesen Effekt kann man nur durch Ausprobieren erlernen. Man geht am frühen Morgen mit dem Spektiv auf ein Feld und beobachtet ein weit entferntes Ziel, wenn im Laufe des Tages die Mirage stärker wird, beobachtet man die optische Verschiebung des Ziels vom Ursprungsort. Es empfiehlt sich immer die Tageszeit und Wetterverhältnisse zu notieren, so kann man über die Zeit einen Erfahrungsschatz aufbauen.

Um die Mirage zu erkennen dürfen Sie nicht das eigentliche Ziel scharf stellen. Der Fokus sollte stattdessen auf ½ bis 2/3 Ihrer Flugbahn liegen. Die so erkannte Mirage ist der beste Indikator für den effektiven Wind. Wir haben ein Video von Gunwerks eingefügt, welches die Mirage bei unterschiedlichen Windgeschwindigkeiten in einem Spektiv zeigt und so den Indikator zur Nutzung veranschaulicht.

Berechnung der Winddrift

Hat man die Stärke des Windes geschätzt und einen Mittelwert für die Distanz auf die man schießen möchte ermittelt, muss man ein Maß fürWindvalue die Windrichtung finden. Je nachdem aus welcher Richtung der Wind kommt, muss der Wind voll oder zur Hälfte in die Berechnung einfließen. Wir haben eine Grafik erstellt auf der Sie das Maß für den Einfluss des Windes auf die Drift des Geschosses, in Abhängigkeit von der Windrichtung sehen. Spezialkräfte verwenden die prozentualen Angaben für ihre Windtabellen, für jagdliche Distanzen im Feld- und Wiesenrevier reichen die groben Angaben am äußeren Rand der Uhr jedoch völlig aus. Mit Hilfe der Entfernung zum Ziel, der Windstärke und dem Maß für den Einfluss des Windes kann man nun nach drei verschiedenen Methoden die Winddrift berechnen und dadurch die Ablagen bestimmen.

US-Sniper-Methode

Entfernung/100 x Windgeschwindigkeit in mph, geteilt durch die Entfernungskonstante = Drift in Winkelminuten (MOA = minutes of angle) bei Wind von 9 oder 3 Uhr.
Konstante:
100 und 500 yds 15
600 yds 14
700 und 800 yds 13
900 yds 12
1000yds 11
Beispiel: Die Entfernung beträg 500yds und die Windgeschwindigkeit 10 mph:
((500/100) x 10)/15 = 3,33 MOA, abgerundet 3 MOA.

Britische Scharfschützenmethode

Bei dieser Methode ist es wichtig die Abdrift des Geschosses, welches man verschießen möchte auf 100m zu kennen. Wir nehmen unser Standard 168grs Geschoss in .308 Win. Dieses hat eine aufgerundete Abdrift von 1MOA auf 100m bei 10mph Wind aus 3 oder 9 Uhr. Ist dies bekannt kann der Schütze diesen Wert als ausgangswert für seine Berechnungen nehmen und auf die anderen Entfernungen zurückschließen.

Beispiel: Zielentfernung 200yds, Windgeschwindigkeit 5mph. 10mph würden das Geschoss ca. 2MOA abtreiben, folglich wird ein 5mph starker Wind das Geschoss halb soviel abtreiben, sprich 1MOA.

Accuracy 1st Methode

Die Firma Accuracy 1st hat in Zusammenarbeit mit Todd Hodnett eine sehr einfache und effektive Windformel für verschiedene Kaliber entwickelt. Unsere Meinung nach sollte man wenn möglich auf diese Formel zurückgreifen, da sie mit Strich oder Milrad arbeitet und somit leichter auf das metrische System angewendet werden kann.

Beispiel: für die .308 Win gilt, bei einer Entfernung von 500m geht man von einer Drift von 0,5 mil für jede 4mph Windstärke aus. Angenommen der Wind beträgt 12mph und kommt von 9 oder 3 Uhr, ergibt sich folgender Vorhalt:
(12mph/4) x 0,5mil = 1,5mil Vorhalt für 500m

Bei Brüchen mit einem Rest muss man etwas anders vorgehen. Beispiel 500m, 9mph Wind:

(9mph/4) = 2 (+1 R) x 0,5mil = 1,0mil (+0,1 R) = 1,1mil Vorhalt

So, wem jetzt noch nicht der Kopf raucht, kann diese Werte nun abgestimmt auf die Entfernung umrechnen und damit den Haltepunkt korrigieren. Dazu ist es allerdings erforderlich sich mit MOA und MILRAD auszukennen. Wir werden uns in weiteren Artikeln mit der Thematik MOA und MILRAD näher beschäftigen und die dazugehörigen Absehen mit den Korrekturen ebenfalls erklären.

Wichtig an dieser Stelle ist, dass Sie sich merken, dass der Wind ab einer Entfernung von 150m relevante Auswirkungen auf Ihre Treffpunktlage hat. Wer daher gerne über größere Distanzen schießen möchte, sollte die Winddrift daher nicht vernachlässigen und dies vorher üben.

Comments

  1. Philipp says:

    Hallo,

    hier ist alles recht anschaulich erklärt, gefällt mir! In der Tabelle nach Beaufort solltet ihr allerdings nochmal die Mittelwerte der Windstärken neu berechen und die Umrechnung in mph haut leider auch nicht hin. 😉 hab mir da selbst nochmal ne Tabelle gebastelt und beim nachrechnen festgestellt das die nicht hundertprozentige passen.

    Sonst weiter so

    Beste Grüße

    Philipp

    • Andreas Dunsch Andreas Dunsch says:

      Moin Philipp,

      danke für Deinen Beitrag und das tolle Feedback. Bei den mph Werten hat sich in der Tat der Fehlerteufel eingeschlichen! Wir haben die Tabelle sofort aktualisiert und geändert. Recht herzlichen Dank!
      Zu den Werten an sich möchten wir folgendes ergänzen. Die Werte sind weder 100% korrekt noch sind sie ein Mittelwert. Im Internet finden sich zahlreiche verschiedene Tabellen, die beispielsweise bis auf eine Nachkommastelle den Wert wiedergeben (z.B.: Beaufort 4 = 19,7 – 28,7 km/h = 12,2 – 17,9 mph). Ihr könnt also auch auf andere Tabellen zurückgreifen, wenn Ihr noch genauer rechnen wollt.
      Unsere Werte orientieren sich lediglich der Einfachkeit halber an für uns praxisnahen Werten. Diese bewegen sich bei schwächeren Windstärken jeweils am oberen Ende der Skala und nehmen bei zunehmender Windstärke ab. Somit minimieren wir lediglich die Range, in der es sich lohnt zu rechnen, da wir die Windstärke sowieso nie zu 100% messen können (Böen, Scherwinde usw.).
      Wenn Du Dir deine eigene Tabelle gefertigt hast, mit der Du arbeitest, um so besser! Super!

      Ebenfalls beste Grüße

      Andreas

  2. Eggerkamp says:

    Hallo,
    sehr interessantes Thema, vielen Dank für die Recherche und ordentliche Zusammenstellung. Aber, bei einer doppelten Windgeschwindigkeit würde ich im Nahbereich, also mindestens bis 300m, wenn nicht mehr, mit vierfacher Abdrift rechnen – das zeigen die vorgestellten Methoden aber so nicht, liegt das an den Überschallverhältnissen, wenn ja, wie muss ich das dann verstehen? Quelleninfo wäre auch hilfreich.
    Danke für Info
    Christian

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