Beitragsbild Experteninterview Digitalisierung und Jagd Teil II
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Vom 29. Januar bis 03. Februar fand Europas größte Fachmesse für die Jagd in Dortmund statt. Die Veranstalter dürfen sich freuen: neuer Rekord mit rund 82.000 Besucher und 800 Unternehmen aus 40 Nationen kamen 2018 nach Dortmund. Thomas Rödding, den wir ja derzeit angesichts zunehmender Digitalisierung in der Jagd um Experteneinschätzung gebeten haben, war ebenfalls auf der Messe. Und wie versprochen, gibt es nun die Nachlese. Michael Gast traf sich dazu mit Thomas vor ein paar Tagen.

Michael Gast: Thomas, wir hatten letzte Woche gesprochen und Du versprachst uns eine Einschätzung zur „Jagd & Hund“; natürlich mit besonderem Augenmerk auf Digitalisierung und digitale Themen auf der Messe. Wie war Dein Eindruck?

Thomas Rödding: Meine Erwartung war recht einfach. Wie sehr das Thema Digitalisierung in Alltagsgesprächen zwischen Jägern, vor allem im Internet, zugenommen hat, ist ja nicht zu übersehen. Folglich wird sich das auch auf einer Verbrauchermesse wie der „Jagd & Hund“ niederschlagen, so meine Annahme. Die Messe ist schließlich die zentrale Verbrauchermesse für die Jagd und sollte damit wichtige Bedürfnisse widerspiegeln.

Also pirschte ich durch die zahlreichen Hallen und schaute: Welche Produkte der Digitalisierung werden hier verkauft? Wie finde ich sie? Was leisten sie? Woran unterscheide ich sie? Und hier war ich echt überrascht: Denn irgendwie suchte ich hier fast vergebens …

Michael Gast: Das klingt ja fast enttäuscht. Wie bist Du denn vorgegangen, um im Messegeschehen den digitalen Durchblick zu bekommen?

Thomas Rödding: Naja, ich hab mal ganz naiv mit dem Messekatalog begonnen: Der kannte aber weder in seiner Online- noch in der Papierfassung Begriffe wie „App“, „Digital“, „Software“ oder „Online“. Erst wenn Du richtig gezielt danach suchst, findest Du dann irgendwann einen einzigen Anbieter, der sich auf Drohnenflug für Rehkitzrettung und Erntejagd spezialisiert hat. Es ist fast so, als ob der Jagdmarkt sich in zwei Teile gespalten hätte: Im Internet, wo sich digitale Produkte die Bahn schlagen, mehrere Facebook-Gruppen mit jeweils 15 bis 20 Tausend Mitgliedern existieren, und die Messe, wo eher konservative Produktlinien vorgestellt wurden.

Michael Gast: Woran meinst Du, liegt diese Zurückhaltung?

Thomas Rödding: Die Digitalisierung ist in der Jagd – als Praktik – angekommen. Jeder weiß irgendwie auch, dass das eine Entwicklung ist, die unaufhaltsam kommen wird. Genau dieser Tatsache widmet ihr Euch hier im Blog ja auch. Und der Frage, wie damit umzugehen ist. Aber wenn Du mal mit einem durchschnittlichen Waidmann sprichst, vielleicht auch eher noch erfahreneren Semesters, dann dominiert noch ein vorsichtiger, wenn nicht sogar zurückhaltender Habitus.

Ich ging zum Beispiel mal eines morgens vom Parkplatz zum Messeeingang und traf auf einen Förster. Als ich seine Frage beantwortete, warum ich hier sei und dabei das Stichwort Digitalisierung nannte, hob er die Hände mit kreuzender Haltung der Finger wir zur Vampirabwehr. „Ich bin ein analoger Mensch!“. Und diese Reaktion ist kein Einzelfall, sondern eher beispielhaft.

Michael Gast: Wie bewertest Du diese Beobachtung?

Thomas Rödding: Es macht den Eindruck, als gäbe es zwei Parallelwelten in der Jagd: Das eine Lager steht der Digitalisierung skeptisch gegenüber. Das andere Lager ist im Schnellzug der Innovation relativ kritiklos unterwegs: mehr Funktionen, mehr Ideen, schnellere Produktzyklen. Hier ist es ein bisschen so, als fühlten sich manche Anbieter in einer neuen „Goldgräberzeit“.

Im Grunde ist das eine für Märkte ganz normale Entwicklung, wenn an Fundamenten geruckelt wird – und dies tut die Digitalisierung im Rahmen der Jagd ja zweifelsohne: Die Einen finden es klasse, und wollen mehr. Die Anderen wollen zurück zum „Guten Alten Bewährten“.

Michael Gast: Also streng genommen eine ganz normale Entwicklung, die der „Jagdmarkt“ derzeit einschlägt. Auf welchem Wege wird es denn zu einem gesunden Mittelweg kommen? Oder anders gefragt: An welchem Punkt muss angesetzt werden, damit der Markt „reift“?

Thomas Rödding: Gute Frage. Ich denke, das hängt sich derzeit vor allem an einer Entwicklung auf, die überwunden werden muss, wenn der Markt sich konstruktiv weiterentwickeln will. Ich nenn es den Funktionalitäten-Hype.

Damit meine ich folgendes: Schau mal auf die unterschiedlichen Klassifikationen von Apps, die sich so herausgebildet haben. Hier könnte ich stundenlang aufzählen:

  • Lernbegleitende Apps, v.a. für Jungjäger
  • Apps zur Digitalisierung der Revierkarte, inkl. Abbildung von Reviergrenzen, Hochsitzortung usw.
  • Apps mit vielen kleinen Alltagsfeatures wie Ansitzreservierung, Wildkameras auslesen usw.
  • Tradierte Apps, die die Jagd in einzelnen Funktionen unterstützen sollen wie z. B. Lockrufe imitieren
  • Apps zum Thema Ballistik und/oder Optik
  • Apps zum sozialen Vernetzen

All diese Apps haben unzählige Funktionen, teilweise mehr, als der durchschnittliche Anwender jemals brauchen wird. Ein wenig ähnelt diese Vorgehensweise einem App-Bauchladen: „Je mehr wir anbieten, desto beliebter wird die App schon sein!“

Michael Gast: Also so eine Art Wildwuchs: Machen, weil es gemacht werden kann. Aber könnte man hier nicht sagen: Dann kriegt wenigstens jeder das, was er will? Aus dem großen Bauchladen kann sich dann ja jeder selbst raussuchen, was er braucht, oder?

Thomas Rödding: Theoretisch ja. Praktisch hat das Ganze einen Haken:

Ich mach mal n Beispiel und oute mich: Ich habe fast alle Apps installiert, die ich derzeit im Bereich „Jagd“ finden konnte. Aber ganz ehrlich: Für den Revieralltag bin ich derzeit eher analog unterwegs. Mir ist der Aufwand zur Nutzung derzeit einfach viel zu hoch und insbesondere fällt es mir schwer, abzusehen, bei welchen Apps ich mich längerfristig wohl fühlen werde. Und das ist ein ganz wesentlicher Punkt!

Warum hilft Digitalisierung wobei? Wo ist sie nur Spielzeug? Welchen ganzheitlichen Nutzen für meine praktische Jagd sollte ich wirklich erwarten dürfen?

All diese Fragen stellt sich jemand, der digitale Produkte nicht als Spielzeug oder Gimmick, sondern als substanziellen Bestandteil seiner Jagdpraxis ernsthaft betrachtet. Und hier sollte es eben nicht bei einer Aneinanderreihung von Funktionalitäten und Insellösungen bleiben. Das steht im ganzen Entwicklungsgeschehen von Drohnen, Wildkameras, Fallen- und Kirrungsmeldern, Wärmebildgeräten & Co. ja noch weitestgehend aus.

Michael Gast: Also die durchdachte Vernetzung der Geräte untereinander. Eigentlich ja eine Entwicklung, die jeder Markt im Rahmen der Digitalisierung durschreitet, oder?

Thomas Rödding: Na klar. Mal ernsthaft – vor vielen Jahren hat sich eine Software dem Verbraucher gegenüber noch präsentiert mit ihren zahllosen Funktionen. Denk mal an Microsoft Word. Heute denken die nicht mehr in Einzelfunktionen wie: Office hat Rechtschreibprüfung, Thesaurus, Grammatikprüfung, Silbentrennung. Sondern die denken und produzieren aus der reinen Nutzenperspektive: Hey, unsere Kunden wollen einen guten Text schreiben!“ Alles, was der Kunden dazu braucht, wird geliefert. Es wird prozessual, und eben nicht in Einzelschritten gedacht.

Bei der Jagd gilt das Gleiche: Funktionen sollten sinnstiftend und in einem Gesamtkontext nutzbringend in einem System vereint werden. Das wäre eine deutlich weiterentwickelte, gereifte Art der Digitalisierung. Derzeit haben wir es noch mit einer Vielzahl von digitalisierten Hardware-Inseln zu tun.

Michael Gast: Da sind wir direkt bei den Unternehmen: Wenn wir uns den Jagdmarkt anschauen, so existiert ja ein bunter Mix an Anbietern: Startup-Unternehmen, Verlage, Optikhersteller usw. Wie schätzt Du das ein – haben die nicht längst eine solche Langzeit-Strategie entwickelt?

Thomas Rödding: Im Großen und Ganzen möchte ich da leise, vorsichtige Zweifel anmelden. Ich habe es in den vergangenen Jahren einfach häufig erlebt: Geschäftsführer, Vorstände und IT-Leiter mussten sich schlagartig mit Begriffen wie „Industrie 4.0“ und „Digitalisierung“ auseinandersetzen.  Was das aber eigentlich konkret für das jeweilige Geschäftsmodell bedeutet und wie ein Unternehmen seine eigene Strategie und eigenen dazugehörigen Handlungspläne entwickelt, folgt dann keinem Standardrezept. Sondern ist immer ein individuelles Entwickeln, das Finden eines eigenen Weges. Dem sollte klare Orientierung und fundierte Aufklärung vorangehen.

Auf der „Jagd & Hund“ wurde mein Eindruck hierbei auch eher bestätigt. Ggfs. wird hier noch viel im Hintergrund „probiert“.

Michael Gast: Erstaunlich ist doch auch, dass hierzulande die Waffenhersteller scheinbar noch keine Strategie zur Digitalisierung haben. Das ist in den USA schon anders, oder?


Thomas Rödding: Definitiv. Die großen Waffenhersteller hierzulande halten sich erstaunlicherweise noch sehr bedeckt, was ihre Strategie zur Digitalisierung angeht. Namhafte Optikhersteller, z.B. Zeiss und Swarovski, sind schon kräftig unterwegs im Markt Digitalisierung & Apps. Aus meinem beruflichen Alltag in der Digitalberatung von Konzernen vermute ich stark, dass es bei den großen Waffenherstellern Strategien dazu gibt – Browning macht es an einigen Stellen schon sichtbar – aber alles in allem bleibt es spannend, welche Ideen und Ziele von der Seite verfolgt werden. Vielleicht ergeben die Gespräche auf der IWA schon einen ersten Eindruck dazu.

Michael Gast: Stimmt, da wirst du ja auch sein und hoffentlich wieder mit ein paar Eindrücken für uns zurückkommen. Danke Dir erst einmal für Deine Messe-Nachlese.

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