Die Palette digitaler Zielfernrohre wächst stetig, unter anderem weil immer mehr Hersteller sogenannte elektro-optische Produkte auf den Markt bringen. Diese Elektro-Optiken zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass optische Instrumente (bspw. Zielfernrohr) mit elektronischen Bauteilen (bspw. Entfernungsmesser, Kompass, Lagesensoren, Ballistikrechner etc.) kombiniert wurden.

Sinn und Zweck

Das Ziel dieser Produkte wie bspw. dem Burris Laserscope III, Steiner M7Xi IFS, welche wir erst vor Kurzem selbst testen konnten, dem Swarowski dS oder Sig Sauer BDX ist es, die funktionale Leistungsfähigkeit der Zielfernrohre zu erhöhen und dem Schützen das gezielte Schießen zu erleichtern. Dies wird dadurch erreicht, dass Sensoren eine Anzahl an Daten sammeln und dem Schützen in aufbereiteter und komfortabler Form direkt in seinem Sichtfeld (im Zielfernrohr) dargestellt werden. Die Krönung der Funktionalität ist die automatische Absehensverstellung wie sie unter anderem im Swarowski dS umgesetzt wurde.

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Auf Knopfdruck wird die Entfernung zum Ziel mittels im Zielfernrohr integriertem Laserentfernungsmesser metergenau ermittelt. In einem zweiten Schritt errechnet ein vorher auf die Munition und Umgebungsparameter kalibrierter Rechner die exakte Höhenablage und präsentiert dem Schützen eine neue und genau auf das Ziel berechnete Haltemarke ins Absehen. Dies alles passiert quasi in Echtzeit (siehe Video). Für den Schützen ein enormer Komfortgewinn. Dieser kann sich voll und ganz auf den eigentlichen Schießvorgang – korrektes Ansprechen, Beurteilung der Hintergrundgefährdung und korrekt ausgeführtes Abkrümmverhalten – konzentrieren.

Das Burris Ballistic Laserscope III nimmt dem Jäger beim Schießen einiges an „ballistischer Arbeit“ ab. (Foto: Burris)

Viele Jäger und Sportschützen mögen sich darunter wenig vorstellen können, im Grunde ist die Erfahrung mit dem Schaltvorgang in einem Fahrzeug vergleichbar. Die Masse der Autofahrer kennt eine manuelle und eine automatische Schaltung. Die Automatik ist nicht wirklich „lebenswichtig“ aber insbesondere im Stau, dichten Stadtverkehr oder bei extremen Geländefahrten spielt eine moderne Automatik ihre Vorteile aus. Als Fahrer kann man sich mit beiden Händen voll und ganz auf das Lenken konzentrieren und muss nicht immer wieder Kuppeln und Schalten.

Physikalische Grenzen

Mit Naturgesetzen ist es so eine Sache, der Mensch kann mittels ingenieur- und fertigungstechnischen Meisterleistungen an die Grenzen gehen, aber außer Kraft setzen kann man die physikalischen Gesetze nicht. Bei Elektro-Optiken wie den digitalen Zielfernrohren betrifft es vor allem die Lichttransmission und die Bildqualität. Um die zu Beginn angesprochenen Funktionalitäten der Optik gewährleisten zu können, müssen im Glas quasi ein Fenster und ein Fernseher miteinander kombiniert werden. Die Optik muss es einem einerseits ermöglichen, dass Licht ungehindert passieren kann, um beispielsweise Wild auch bei schlechten Lichtverhältnissen erkennen und ansprechen zu können (Fensterfunktion). Andererseits muss die Optik eine Projektionsfläche aufweisen, in der die bereitgestellten Informationen (digitales Absehen, Entfernung, Windgeschwindigkeit,…) eingeblendet werden können (Fernseherfunktion). Technisch kann das Dilemma auf unterschiedliche Weisen gelöst werden.

Bei der ersten Möglichkeit wird quasi eine Bild im Bild Funktion erreicht. Praktisch äußert sich die Sache so, dass nur ein kleiner, abgegrenzter Teil der Bildfläche in der Optik als Projektionsfläche für digitale Informationen abgegrenzt wird. Um in der Analogie des Fensters und des Fernsehers zu bleiben, wird quasi ein Fernseher auf die Fensterbank gestellt und ermöglicht es einem so, sowohl aus dem freien Teil des Fensters nach außen zu blicken und gleichzeitig fernzusehen. Ich habe zwar beide Funktionen, aber der Fernseher blockiert nun mal einen Teil des Fensters und der Raum wird auch ein wenig dunkler.

Das M7Xi IFS funktioniert nach dem „Bild im Bild“ Prinzip. (Foto: Steiner)

Dies ist beispielsweise bei den Steiner IFS Gläsern der Fall. Der Verlust an Bildqualität wird auf diesen minimalen Bereich begrenzt. Die optische „Gesamtleistung“ bleibt jedoch vergleichbar mit klassischen Zielfernrohren. Am besten vergleicht man immer nur gleiches mit gleichem, in diesem Fall also mit neuen Steiner Zielfernrohren ohne digitale Funktionen. Das Mehr an Bildqualität bedeutet aber gleichzeitig weniger Funktionalität. Da nur ein kleiner Teil, meist am Rand der Optik, für Einblendungen genutzt werden kann, kann beispielsweise auch kein errechnetes Absehen in die Optik projiziert werden, da dafür eine Darstellungsfläche in der Mitte der Optik notwendig wäre, also genau da wo man die beste Bildqualität haben möchte.

Der zweite Weg ist es, die komplette Fläche der Optik als Projektionsfläche für digitale Informationen freizugeben. Man projiziert also das Fernsehbild auf die Fensterfläche. Damit die projizierten Bilder nicht einfach hindurchscheinen muss ich im Fenster mikroskopisch kleine „Projektionswände“ einbauen, auf denen die Bilder auch dargestellt werden können. Der Anteil dieser „Wände“ im Vergleich zum normalen, durchsichtigen Glas ist zwar sehr gering, aber nichtsdestotrotz muss er auf der ganzen Fläche verteilt werden, und nimmt dem Glas somit freie Fläche, um Licht ungehindert passieren zu lassen.

Bei einer Optik ist das Prinzip das Gleiche, die Konsequenz ist aber ein Verlust an Bildqualität welcher insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen sehr deutlich wahrgenommen werden kann. Ein exzellentes Beispiel ist hier das Swarowski dS. Verglichen mit einem Swarowski Z6i oder Z8i muss das Mehr an Funktionalität mit Einbußen an Bildqualität erkauft werden und eignet sich somit nicht besonders gut für die Nachtjagd.

Das ATN X-Sight 4K Pro sieht aus wie ein klassischen Zielfernrohr, ist aber eine Kombination aus Kamera und Bildschirm (Foto: ATN Corp.)

Technisch gesehen gibt es auch einen dritten Weg, ein Weg der im Grunde die geltenden physikalischen Gesetze umgeht. Man kombiniert quasi eine Kamera mit einem Fernseher und nutzt den Fernseher als „Fenster“. Dies hat beispielsweise ATN mit dem ATN X-Sight 4k PRO umgesetzt.

Eine Kombination aus guten Kameralinsen und einem leistungsfähigen Bildschirm kann somit alles erreichen, die Wohnung wird hell, man sieht alles Relevante außerhalb des Gebäudes und auch das gewünschte Fernsehprogramm. Bei Bedarf können auch zusätzliche Funktionalitäten wie beispielsweise Wärmebildsensoren integriert und mit den anderen Funktionen kombiniert werden. Der Nachteil ist, dass man ohne Strom gar kein Bild und gar keine Funktion hat. Weiterhin sind solche Geräte nach der derzeitigen Gesetzeslage in Deutschland verboten.

Einsatz und Nutzung

Auch wenn Werbeprospekte und Imagevideos der Optikhersteller die Nutzung solcher Optiken als besonders einfach anpreisen, sieht die Sache in der Realität ein wenig anders aus. Wie es dem geneigten Kinogänger bereits aus der Verfilmung von Spiderman bekannt sein sollte, kommt mit viel „Macht“ auch viel „Verantwortung“. Dieses Motto trifft auch auf digitale Zielfernrohre zu.

Bevor solche Geräte in der Jagdpraxis genutzt werden können, müssen diese kalibriert und wenn möglich auch deren korrekte Funktion überprüft werden. Insbesondere Jäger mit geringen theoretischen Kenntnissen der Ballistik sollten daher bei der Kalibrierung der Optik Rat einholen. Weiterhin sollte die korrekte Funktionsweise überprüft werden, somit also auch Probeschüsse auf weite Distanzen angetragen und deren korrekte Trefferlage überprüft werden bevor man mit dieser Kombination Wild beschießen kann.

Das Schießen mit Elektro-Optiken ähnelt eher dem Schießen von Optiken mit ballistischem Absehen. Daher unterscheidet es sich ein wenig von den üblicherweise auf GEE eingeschossenen Jagdoptiken. Unterm Strich ist es kein Hexenwerk, bedarf aber ein wenig Übung. Dabei ist zu beachten, dass das Motto „Versuch macht klug“ nur für den Schießstand gilt, in der waidgerechten Jagdausübung sollte nur das eingesetzt werden, was auch beherrscht wird!

Vor- und Nachteile

Zusammenfassend lassen sich Vor- und Nachteile von digitalen Zielfernrohren wie folgt darstellen:

Vorteile:
– zusätzliche Funktionen ermöglichen einen einfacheren und insbesondere für ungeübte Schützen einen genaueren und schnelleren Schuss
– resultierend daraus vermindert sich die Zahl von Fehlschüssen durch Nutzung einer nicht korrekten Haltemarke beim Jagen auf weitere Distanzen (bspw. Gebirgsjagd)

Nachteile:
– geringere optische Leistung im Vergleich zu klassischen Zielfernrohren
– deutlich höhere Preise
– höheres Gewicht und größeres Volumen in Vergleich zu klassischen Zielfernrohren
– Nutzung bedarf eines fundierten Wissens der Ballistik

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Fazit

Die Zeit schreitet voran und damit auch der technologische Fortschritt. Die digitalen Zielfernrohre werden immer ausgereifter und die Industrie schafft es über die Zeit, die Funktionalitäten solcher Gläser immer weiter zu erhöhen und gleichzeitig die Nachteile solcher Geräte immer weiter zu reduzieren. Mit der Produktion höherer Stückzahlen werden in letzter Konsequenz auch die Preise über kurz oder lang sinken. Derzeit sind solche Gläser für den deutschen Durchschnittsjäger jedoch maximal als Zweit- oder Drittglas geeignet, da die Leistung der Gläser für die Nachtjagd derzeit noch nicht ausreichend ist.

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