Schießtraining I – Psyche als Voraussetzung für den erfolgreichen Schuss

G4 GewehrauflageAm Anfang jedes Schießtraining sollte die mentale Vorbereitung und psychische Konditionierung auf den Schuss stehen. Unserer Erfahrung nach ist eine konditionierte Psyche eine wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Schuss. Aus diesem Grund möchten wir im folgenden Artikel beschreiben, wie man sich selber mental konditioniert und auf eine Schussabgabe vorbereiten kann. Hierzu benutzen wir das Model von Jeff Cooper und versuchen dieses auf die Jagd zu übertragen.

Viele Jäger sind der Meinung, dass keine besonderen psychischen und charakterlichen Voraussetzungen für den Einsatz einer Büchse oder Flinte notwendig sind; dies ist jedoch nicht der Fall. Der Einsatz einer Flinte und mehr noch der Einsatz einer Büchse kann verheerende Folgen auf die Umgebung habe und im schlimmsten Fall Mitmenschen gefährden. Aus diesem Grund erfordert die Schießausbildung die Schaffung eines Bewusstseins für den Schuss und der möglichen Konsequenzen. Der wichtigste Aspekt bei der Schießausbildung eines Jägers ist die Schaffung eines kritischen Urteilsvermögens des Schützen, die eigene Leistungen selbstkritisch einzuschätzen zu können, ohne sich von äußeren Einflüssen aus dem Konzept bringen zu lassen.

Wer jagd wie? Und welche Jagdart ist für mich die richtige?

Bei diesen Frage scheiden sich wahrscheinlich die Geister, weil kaum ein Jäger sich selber Schwächen eingestehen möchte. Stellt man sich jedoch bewusst die Frage: „Reichen meine jagdlichen Fähigkeiten aus, um auf die Pirsch zu gehen?“, kommen wahrscheinlich die ersten Zweifel auf.

Jede Jagdliche Situation erfordert ein anderes Maß an Schießfertigkeiten und jagdlichem Geschick und diese Fähigkeiten variieren extrem zwischen verschiedenen Jägern. Ein Jäger mit jahrelanger Auslands- und Schießerfahrung wird sich auf der Pirsch wahrscheinlich leichter tun als jemand der gelegentlich ansitzt. Doch woran liegt das und wie kann ich mich selbst mental konditionieren, um besser auf jagdliche Situationen vorbereitet zu sein?

Für die meisten ist es schwer jagdliche Situationen richtig einzuschätzen, denn es gibt viele Faktoren, die bereits vor dem Schuss bedacht werden müssen. Stellen Sie sich vor ein starker Keiler taucht urplötzlich vor Ihnen auf. In dieser Situation laufen hunderte Prozesse in Ihrem Geist ab und Sie haben neben der Waffenhandhabung viele Dinge zu bedenken. In welcher Entfernung stehe ich zu dem Stück? Wie steht das Wild? Habe ich einen geeigneten Kugelfang? Von wo kommt der Wind? Welchen Anschlag soll ich wählen? Visierbild? Wie spreche ich das Stück an? etc. In der Realität ist das richtige Einschätzen dieser Faktoren schwerer als gedacht, da man unter einem subjektiven Zeitmangel leidet, der in der Regel auf mangelnder Ausbildung und schlechter mentaler Vorbereitung beruht.

Jagen, wenn man Jagd!

Das Motto unseres Blogs ist: …Jagd! Wir wollen damit verdeutlichen was in der Überschrift steht. Wenn man auf die Jagd geht, dann darf nichts anderes eine Rolle spielen. Man muss seinen Geist frei machen von Problemen des Alltags und sollte auf keinen Fall geistig geschwächt in das Revier gehen.

Der ehemalige Offizier des U.S.M.C, Jeff Cooper, hat eine sehr zutreffendes Farbenmodell für die mentale Bereitschaftshaltung eines Menschen in Situationen geistiger Anspannung erstellt, welches noch heute seine Berechtigung hat. Mit Hilfe dieser theoretischen Grundlage kann man sich selbst in dem Einnehmen von Beobachtungsbereitschaft und einem situationsbezogenen mentalen Bereitschaftsgrad schulen. Dieses mentale Training ist wichtig, um jeder Zeit während der Jagd, auf unerwartete Situationen reagieren zu können; sprich man lässt sich nicht mehr von Situationen überraschen, sondern ist stets bereit geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Farbenmodell von Jeff Cooper

Farbenmodell von Jeff Cooper (abgw.)

Auf der rechten Seite sehen Sie eine abgewandelte Darstellung der Jeff Cooper Farbskala mit den Stufen „WEIß“ bis „ROT“. Wir haben mit Absicht die Darstellungsform einer Pyramide gewählt, da die einzelnen Stufen nicht chronologisch durchlaufen werden müssen, einige Phasen können schneller durchlaufen werden als andere, um auf die höchste Eskalationsstufe zu gelangen. Viel wichtiger ist es, sich der Eskalationsstufen bewusst zu sein und diese aktiv in die Jagd und das Training für die Jagd zu integrieren.

Der Zustand „WEIß“ herrscht in Situationen ohne Anspannung und eigener Beobachtungen vor. Man ist nicht darauf vorbereitet eine Handlung zu vollziehen, sondern ist mit Dingen beschäftigt, die nichts mit der Jagd zu tun haben. Dieser geistige Zustand kann eigentlich nur in den eigenen vier Wänden vorherrschen, da sobald man die Büchse aus dem Schrank holt und in das Revier fährt, der Geistige Zustand „GELB“ eigenommen werden muss.

„GELB“ ist der Zustand geistiger Auseinandersetzung mit der Umwelt. Man achtet aufmerksam auf Signale und Beobachtungen aus der Umwelt. In dieser Phase nimmt na Wild allerdings noch nicht bewusst wahr. In diesen geistigen Zustand muss man sich versetzen, sobald man auf dem Weg zur Jagd ist.

Wenn man Wild beobachtet oder Anzeichen für Wild wahrnimmt, wechselt man von „GELB“ auf „ORANGE“. In diesem Zustand ist es wichtig weiterhin sein gesamtes Umfeld zu beobachten, ohne dabei das Wild aus den Augen zu verlieren. In dieser Phase ist auch bewusst die Schussvorbereitungen zu treffen. Es sind also die wichtigsten Frage zur Schussvorbereitung zu stellen. Im Zustand „ORANGE“ hat sich die Situation jedoch noch nicht gänzlich als hervorragende Jagdsituation erwiesen, bei näherer Betrachtung kann man zu dem Schluss kommen, dass die Entfernung zum Wild zu groß ist, kein Kugelfang vorhanden ist, oder das Stück einfach nicht richtig steht oder nicht geschossen werden sollte. In diesem Fall kehr man wieder zum Zustand „GELB“ zurück. Somit ist ein ständiger Wechsel zwischen „GELB“ und „ORAGNE“ auf der Jagd die Regel.

Es tritt eine neue Situation ein: Man nimmt das Wild bewusst wahr, hat das Stück angesprochen, Kugelfang ist vorhanden, eine Gefährdung der Umwelt kann ausgeschlossen werden, man hat den richtigen Anschlag gewählt, das Zielbild stimmt und man konzentriert sich auf den Schuss. Dies sollte Ihr Geisteszustand in der Phase der Schussabgabe sein. Nur in diesem Zustand der geistigen und körperlichen Ausrichtung auf einen bevorstehenden Schuss können Sie sich sicher sein einen erfolgreichen Schuss zu platzieren, ob Sie in dieser Situation schießen ist natürlich Ihnen überlassen. Ein plötzliche Veränderung der Umweltbedingungen, auftauchende Jogger oder ein vorbeiziehendes Auto können Sie dazu veranlassen aus der Phase „ROT“ wieder zu „ORANGE“ oder gar zu „GELB“ zurückzukehren.

Eine häufige Kritik, die über dieses Farbenmodell geäußert wird, ist der mangelnde Praxisbezug bzw. die fehlenden konkreten Handlungsanweisungen in den verschiedenen Eskalationsstufen. Das Model hat nicht das Ziel konkrete Handlungsanweisungen für Stresssituationen zu liefern, vielmehr ist es eine Abstraktion der Realität und soll dabei unterstützen gezielt im Training Geisteszustände einzunehmen, die auf der Jagd nützlich sind. Dieses Modell kann man ebenfalls auf andere Alltagssituationen übertragen. Beim Autofahren sollte sich niemand unterhalb des Zustandes „GELB“ befinden, da ständig mit Gefahren zu rechnen, schon in einer Baustelle befindet man sich im Zustand „ORANGE“, danach wechselt wieder zu „GELB“ oder es kommt in der Baustelle zu einem Unfall und man ist gezwungen in den Zustand „ROT“ zu wechseln.

Fazit

Ein häufiger Grund für Fehlschüsse kann eine falsche mentale Haltung sein! Probleme beim Schuss liegen meistens im Gehirn, Bewegungen die vermeintlich in Fleisch und Blut übergegangen sind werden vergessen, weil man von plötzlich auftretenden Situationen überrascht wird und nicht reagieren kann. Allerdings hat der Jäger nur einen Schuss und unter diesem Aspekt sollte man auch trainieren. Nur wer in der Ausbildung viele Bilder gesehen hat, kann diese in die Realität übertragen, dazu  gehört zu allererst auch die mentale Vorbereitung. Häufiges und gezieltes Training führt zu einer Automatisierung von Handlungsabläufen und schafft Platz im Kopf, um die Umwelt bewusster wahrzunehmen. Wer zu sehr mit seinem Körper, der Waffen und der Beurteilung von Umwelteinflüssen beschäftigt ist, wird nicht ohne weiteres jagdlich erfolgreich sein.

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt auf unserer nächsten Drückjagd im November ein Selbstexperiment durchzuführen und mittels eines Pulsmessgerätes und dem Multi-Moment-Verfahren das Farbenmodell von Jeff Cooper in die Praxis zu übertragen und Schlüsse für das eigene Training zu ziehen. Unabhängig von dem Praxisversuch, werden wir in weiteren Artikeln näher auf das Schießtraining mit der Büchse und zu einem späteren Zeitpunkt auf das Flintentraining eingehen.

Comments

  1. Pete says:

    Klasse. Was für ein großartiger Blog, der nicht bloß im „eher eingeschränkten“ Jagdalltag verweilt.

    Tausend dank für eure hilfreichen Gedanken!

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