Schießtraining IV – Psyche bei der Jagd. Anspruch und Wirklichkeit

In unserem Artikel zum Thema „Psyche als Voraussetzung für den erfolgreichen Schuss“, haben wir das Farbenmodell von Jeff Cooper dargestellt und versprochen, dass wir es überprüfen werden. Auf zwei Drückjagden nahe Dresden und Wiesbaden haben wir uns selbst in der Praxis mit einem Experiment überprüft. Welche Erfahrungen wir in unserem Selbsttest gemacht haben, möchten wir gerne in dem folgenden Artikel darstellen.

Rufen wir uns nochmal das Farbenmodell von Jeff Cooper in unser Gedächtnis: Jeff Cooper hat ein Modell zur Einstufung mentaler Bereitschaftsgrade geschaffen, welches zur Unterstützung bei der Schießausbildung fungieren kann. Die mentalen Bereitschaftgrade reichen von „entspannter Zustand (weiß)“ bis „Schuss (rot)“. Innerhalb dieser Spannbreite mentaler Bereitschaft befindet man sich ständig während einer Jagd. Wir haben auf Pulsmessgerätunseren letzten Drückjagden mittels eines Pulsmessegrätes im Multimomentverfahren versucht das Farbenmodell von Jeff Cooper zu verifizieren. Unserer Theorie nach müsste unser Puls in den Momenten höchster mentaler Anspannung steigen.

Tabelle DrueckjagdUm die Daten anschließend auswerten zu können, haben wir eine Tabelle erstellt, die Sie auf dem linken Bild sehen können. In dem Feld „Zeit“ haben wir die den Verlauf der Drückjagd in 10min-Schritten abgetragen. Im Feld „Tätigkeit“ haben wir kurz die Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt beschrieben. Das Feld „Puls“ ist selbsterklärend und beim Feld „Jeff Cooper Farbe“ haben wir den mentalen Bereitschaftsgrad eingetragen, in dem sich der Schütze nach eigenen und äußerer Einschätzung befand. Zusätzlich hat das Gerät während des gesamten Versuchs dauerhaft den Verlauf des Pulses aufgezeichnet, was wir später am Computer auswerten konnten.

Die Drückjagd erstreckte sich in unserem Fall von 1015 bis 1315. Bereits um 0900 haben wir uns getroffen und wurden durch den Jagdherren in die Drückjagd eingewiesen. Nach anschließendem Marsch zu den Ständen wurden wir vor Ort nochmals in den jeweiligen Stand eingewiesen, konnten diesen beziehen und haben angefangen Entfernungen zu nehmen und schon im Vorfeld das Gelände hingehend der Schussmöglichkeiten zu beurteilen (Kugelfang, mögliche Wechsel, woher kommt der Wind? etc.). Nachdem diese Tätigkeiten abgeschlossen waren ging die Drückjagd auch schon los.

„Man hört in der Ferne das Signal der Treiberwehr, Hundegebell und das Lautgeben der Treiber. In spätestens zwanzig Minuten ist die Treiberwehr bei uns. Vielleicht können wir schon eher mit den ersten Anblicken rechnen, vielleicht sogar mit der ersten Schussgelegenheit. Die Ansage des Jagdherren noch in den Ohren: „Bei diesem Treiben werden nur Kahlwild, Schwarzwild und Mufflon geschossen. Beachten Sie die UVV, das Gewehr wird erst auf dem Stand geladen etc.“ Mit dem Klang dieser Worte in den Ohren steht man nun wartend auf Wild im Wald und versucht im neuen Terrain alles richtig zu machen sowie alle Sicherheitsvorkehrungen peinlichst einzuhalten. Der Jagdnachbar winkt zur Kontaktaufnahme. Vom eigenen Stand zum nächsten Wechsel sind es knapp 50 Meter, man versucht die Entfernung genau abzuschätzen und geht nochmals die Vorhaltemarken im Kopf durch. Das Bellen der Hund wird immer deutlicher, der Puls steigt und nun kommen die ersten Stücke. Die Waffe geht in den Anschlag, Atem anhalten, das Wild ansprechen und Schuss. Ein Blitz durchfährt den Körper, die Sau fällt im Knall. Nachladen, erneut anschlagen, beobachten und warten. Das Stück liegt, Waidmannsheil.“

Die Wirklichkeit

Wir haben uns einen Jäger ausgewählt der schon einige Drückjagden mitgemacht hat und routiniert istPulsdiagram Drueckjagd. Auf der Jagd war überwiegend Schwarzwild zu erwarten. Man sollte meinen, dass dies keine außergewöhnliche Situation darstellen sollte. Das Bild auf der Linken Seite zeigt den Verlauf des Pulses unseres Probanden während der gesamten Jagd. Der Jäger hat normalerweise einen Ruhepuls von 70, sein Durchschnittspuls während der Jagd lag bei 108. Das entspricht einem 67% höheren Puls. Dies mag zum einen an der körperlichen Belastung auf dem Weg zum Einstand gelegen haben, jedoch hatten auch die klaren Ansagen des Jagdherren und der Respekt vor den jagdlichen Situationen, nach Aussage des Jägers ebenfalls zu einer erhöhten Anspannung beigetragen. Während des gesamten ersten treibens pendelte der Jäger immer zwischen dem geistigen Zustand Gelb und Orange nach der Jeff Cooper Farbenskala. Auf dem linken Bild kann man sehr genau erkennen, dass der Puls nachdem man die Treiberwehr hören konnte bereits etwas ansteigt, kurz abflacht weil das erwartete Wild nicht zusehen war. Bei Anblick aber stieg der Puls sofort. Im ersten Treiben sank der Puls vermutlich wieder stark nach dem Anblick, da es zum Abschuss nicht frei war.

Die rechte Abbildung zeigt den Pulsverlauf des Jägers in den Minuten vor und nach dem Schuss. Mit demPulsdiagramm Wahrnehmen der Treiberwehr reagiert der Jäger erneut sehr erwartungsvoll und der Puls steigt an. Hier befand sich der Jäger nach eigener Einschätzung im Geisteszustand Orange. Mit dem Anblick der ersten Rotwildkälber wechselt der Jäger bewusst auf Rot und der Puls schnellt nach oben. Bis zum Schuss sinkt der Puls jedoch wieder, um nach dem Schuss nochmals kurz anzusteigen. Nach eigener Aussage hat der Jäger mit Anblick des Wildes ein kurzes Hochgefühl gehabt, jedoch bewusst versucht sich zu beruhigen und die Waffen in den Anschlag zu bringen. Nachdem der Schuss gefallen war, kam es erneut zu einem Hochgefühl aber weniger aus Freude, sondern mehr aus der Erwartungshaltung gegenüber der Trefferlage.

Fazit

Anhand dieses Beispiels können wir sehen, dass der Jäger während der gesamten Jagd unter erhöhter Anspannung stand. Wahrscheinlich wäre ein unerfahrener Jäger noch nervöser gewesen. Die Ungewissheit über die Richtigkeit des eigenen Handelns steigert das Stresshormon Adrenalin im Körper. Unsere Umgebung hat unmittelbare Auswirkungen auf das eigene Handeln und die eigene geistige und körperliche Verfassung.

Das Beispiel unseres Probanden, kann man mit Sicherheit auf weitere Jäger übertragen. Wir alle lassen uns beeinflussen und sprechen ungerne darüber. Jeder Jäger steht auf der Jagd unter Anspannung. Aus diesem Grund muss man sich selber treu bleiben und das eigene Handeln hinterfragen. Unsicherheit und der verständliche Respekt vor der Situation können verheerende Folgen haben. Alle diese Gefühle addiert führen zu einem Gefühlsgemengen, welches bei einer ungeübten Person dazu führen kann, dass man eine Situation falsch einschätzt, Standardabläufe plötzlich nicht mehr beherrscht werden und im schlimmsten Fall der Körper nicht mehr auf den Geist hört. Mancher nennt dies Jagdfieber.

Kann man sich vor dieser Situation schützen? Genau können wir diese Frage nicht beantworten, jedoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass ein gezieltes mentales Training, kombiniert mit einem ausgiebigen Schießtraining viele Bilder im Kopf erzeugt, die dann in Stresssituationen nur noch abgerufen werden müssen. Wenn man auf verschiedene Situationen mental vorbereitet ist, weil man sie im Training in abgeschwächter Form bereits erfahren hat, fällt es einem leichter richtig zu reagieren.

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